Interview mit Markus Escher

"Ausgezeichnete Liebeserklärung an die Heimat."

Mit einem Gin aus Stuttgart internationale Jurys und hunderttausende Kunden überzeugen: Das haben zwei Gin-Freunde aus der Region geschafft. Während nebenan in der Brennerei des Familienunternehmens Hochbetrieb herrscht – der Verkauf des „Winter Gin“ ist gerade angelaufen –, erzählt Markus Escher bestens gelaunt, wie aus einer Tresen-Idee ein überwältigender, in dieser Größenordnung völlig unerwarteter Erfolg wurde.

Herr Escher, wie fühlt es sich an, wenn etwas „Selbstgemachtes“ im Weltall die Erde umkreist – und helfen soll, zukünftige Reisen zum Mars vorzubereiten?

Markus Escher: Schon unglaublich. NASA, ISS und das alles – das ist eigentlich immer fremd, sozusagen nicht im eigenen Kosmos. Und nun das: Das ist völlig absurd, das hätte man sich niemals träumen lassen. Man weiß zwar, da waren ein paar Tropfen mit im Weltall und auf der Raumstation. Aber so ganz glauben kann man’s immer noch nicht, wenn einem das jemand erzählt. Wenn ich drüber nachdenke, ist es eigentlich vollkommen unreal.

Dieses Frühjahr starteten etwa 140 Tropfen Ihres GINSTR – Stuttgart Dry Gin von Cape Canaveral aus zur ISS, um dort als Schutz vor Verschleiß technischer Geräte getestet zu werden. Wie kam es dazu – und ist der Gin schon „verbraucht“, sprich: Ist der geplante Versuch schon abgeschlossen?

Markus Escher: Das lief über eine Studentengruppe der Universität Stuttgart. Die haben einen Versuchsaufbau entwickelt, um zu erforschen, wie man wartungsfreie Schalter und Gelenke herstellen kann. Dafür wurde eine Mischung mit 140 Tropfen GINSTR zwischen zwei Metalle eingebracht. Der Versuch wurde inzwischen ausgewertet und geht jetzt ins Luft- und Raumfahrt-Museum.

Das heißt, Ihr Gin ist wieder zurück auf der Erde?

Markus Escher: Ja, der Gin ist zurück, aber wir kommen selbst nicht mehr dran. Wir haben extra nachgefragt, ob wir etwas davon bekommen können – leider nein. Das wäre natürlich cool gewesen, etwas in der Hand zu haben, was schon mal im All war, und dann noch etwas Eigenes.

Sie haben den GINSTR gemeinsam mit Ihrem Freund, dem bekannten SWR-Moderator Alexander Franke, aus der Taufe gehoben. Wie Sie schreiben, aus einer Schnapsidee heraus: Zuerst wollten Sie „mal einen Gin für sich und Ihre Freunde machen.“ Wie kam es dazu?

Markus Escher: Die Brennerei wurde 1995 von meinem Opa gegründet. Nachdem er vor vielen Jahren gestorben ist, habe ich begonnen, mich mit Destillerie, Gin und allgemein mit Destillaten zu beschäftigen. Deshalb habe ich auch an der Universität Hohenheim einen Brennkurs belegt. Dort hat man sich früher viel mit Williams-Bränden, Obstbränden und solchen Sachen beschäftigt – heute eher eingestaubte Themen. In dem Kurs war auch jemand aus Hamburg, mit dem ich mich recht gut verstanden habe. Der meinte irgendwann: „Markus, Obstbrände und das alles: Das ist uncool – der nächste Trend ist Gin.“ Und so habe ich angefangen, Gin zu machen. Das ist inzwischen auch schon wieder gut zehn Jahre her.

Als mein Bruder den Jungwinzer-Preis gewonnen hat, habe ich Alexander Franke kennengelernt, der meinen Bruder bei uns auf dem Gut interviewt hat. Alexander hat dann auch meinen Gin gesehen, eine Flasche mitgenommen und probiert. Das hat ihm so gut geschmeckt, dass er mir vorgeschlagen hat, mal einen Gin zusammen zu machen. Daraufhin haben wir uns immer mal in einer Stuttgarter Bar getroffen und über das Thema philosophiert, haben uns auch gut verstanden – und so ist die Idee für diesen Stuttgarter Gin eigentlich am Tresen entstanden.

Wann wurde Ihnen klar, dass es doch mehr ist als eine „Schnapsidee“?

Markus Escher: Eigentlich schon recht früh. Für den Verkauf war der Gin schon von Anfang an gedacht. Aber wir sind nie davon ausgegangen, dass es so erfolgreich und groß wird. Der Investitionsaufwand ist sehr hoch, deshalb haben wir uns mit Bezug auf die Stuttgarter Vorwahl entschieden, 711 Flaschen zu produzieren. Die waren nach drei Tagen ausverkauft.

Es kam also richtig gut an. So ist das gewachsen, gewachsen, gewachsen. Es gab die ersten Gin-Tastings, z. B. durch die Stuttgarter Zeitung mit Produkten aus der Region, wo wir den ersten Platz belegt haben. Die Händler, die unser Weingut beliefert, haben alle positive Rückmeldungen gegeben. Dann haben wir beim World Spirit Award Gold gewonnen.

Der Ritterschlag kam 2018 bei der Gin & Tonic Trophy der IWSC (International Wine & Spirit Company): Die internationale Jury mit 400 Juroren erklärte den GINSTR zum besten Gin der Welt für Gin & Tonic. Von insgesamt über 600 Marken aus 90 Ländern – und als ersten deutschen Gin überhaupt. Besonders stolz sind wir auf den zusätzlichen Gold-Award der IWSC für das eindeutige Testergebnis mit dem Zusatz „Outstanding“. Entsprechend gab’s weltweite Fach- und Pressereaktionen.

Und dann ging es richtig los?

Markus Escher: Ja. Wir hatten tausende Flaschen Vorbestellungen aus aller Welt, die wir nur nach und nach abarbeiten konnten – nach Bestelleingang –, weil wir gar nicht genug Kapazitäten hatten. Da mussten wir viel diskutieren, zum Beispiel mit Händlern, die den Gin natürlich sofort haben wollten.
Aber uns war es immer wichtig, dass wir gleichbleibend hohe Qualität liefern. Und jede Flasche wird hier bei uns auf dem Weingut Escher in identischer Qualität abgefüllt, damit es auch nachhaltig ein erfolgreiches Produkt bleibt. Deshalb mussten manche Kunden vier Monate auf ihre Flasche warten.
Das war schon eine verrückte Zeit mit viel Unterstützung durch Familie und Freunde, aber mittlerweile haben wir es gut im Griff. Wir haben ein tolles Team aufgebaut mit acht festen Mitarbeitern und vielen Aushilfen, vor allem für die Hochsaison.

Name mit Drei-Letter Code vom Stuttgarter Flughafen, Logo mit Skyline und Fernsehturm, Abfüllung in 711er-Chargen: Im GINSTR stecken zahlreiche und vielfältige Anspielungen darauf, dass er als Hommage an die Heimat entwickelt wurde. Wie ist das mit den Zutaten?

Markus Escher: Wir haben damals viel darüber nachgedacht, wie wir das machen. Uns war aufgefallen, dass viele deutsche Regionen und Großstädte einen erfolgreichen Gin haben – für Stuttgart hatte es aber noch niemand gewagt, das professionell anzugehen. Wir haben also beschlossen, einen Gin für unser Zuhause zu machen. Erst hatten wir Botanicals aus der Wilhelma geplant, aber das ging nicht. Dann haben wir uns an einen Gewürzhändler in der Markthalle Stuttgart gewendet, der uns dann auch bei der Rezeptfindung unterstützt hat. Von dem bekommen wir jetzt alle getrockneten Gewürze. Frische Botanicals, also Früchte, bekommen wir vom Großmarkt, auch in Stuttgart. Und zusätzlich verarbeiten wir noch Wasser aus den öffentlichen Brunnen der Bad Cannstatter Mineralquellen, mit dem wir den GINSTR verfeinern.

Das sind die Stuttgart-typischen Merkmale. Und natürlich unsere eigene Herkunft, dass wir hier aufgewachsen sind – und uns den GINSTR am Tresen einer Stuttgarter Bar ausgedacht haben.

Zur „Hommage an die Heimat“ gehört beim GINSTR also, dass Sie großen Wert auf Nachhaltigkeit und regionale Zulieferer legen. So sind Sie auch Kunde und Bankier der Volksbank Stuttgart – seit wann?

Markus Escher: Ich habe schon zu meiner Geburt ein Konto der Volksbank bekommen. Über die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte bin ich so zur Volksbank Stuttgart gekommen. Mein kleiner Bruder arbeitet sogar dort.

Als Geschäftsmensch stellt man ja routinemäßig Geschäftsbeziehungen auf den Prüfstand. Sie sind der Volksbank Stuttgart stets treu geblieben. Gibt es dafür spezielle Gründe?

Markus Escher: Für mich war das immer klar: Das Konto der Stuttgart Distillers GmbH, also für den GINSTR, wird selbstverständlich bei der Volksbank Stuttgart eröffnet. Wir sind richtig zufrieden; die Ansprechpartner sind sehr nahbar und man kennt sie hier in der Region. Von daher klappt das alles sehr, sehr gut.

Ihr GINSTR kommt offensichtlich sowohl bei nationalen und internationalen Jurys als auch bei den Kunden ausgezeichnet an. Bleiben da noch Ziele für dieses „Schnapsidee“-Projekt übrig?

Markus Escher: Wir hatten ja eigentlich nie so richtige Ziele für den GINSTR. Insofern haben wir schon so viel mehr erreicht, als wir uns jemals hätten erträumen lassen können. Hätte uns damals bei der Gründung jemand gesagt: „Ihr werdet mal sechsstellig Flaschen im Jahr verkaufen!“ – wir hätten ihm geantwortet, dass wir so viel gar nicht herstellen können.

Es ist zwar erst November, aber Weihnachten steht schon unübersehbar vor der Tür. Wie genießt man den GINSTR am besten im Advent und an den Feiertagen?

Markus Escher: Wir haben ja zwei Produkte: Den GINSTR – Stuttgart Dry Gin klassisch mit dem weißen Etikett gibt es das ganze Jahr. Wir empfehlen ihn für Gin & Tonic; dazu findet man bei uns auf der Internetseite viele Rezepte.

Jetzt im Winter bieten wir außerdem einen „Winter Gin“ an. Den bringen wir immer heraus, wenn es langsam kalt wird, also etwa im Oktober. Man erkennt ihn am schwarzen Etikett und er wird mit komplett anderen Zutaten hergestellt, z. B. mit Zimt, Vanille und verschiedenen Pflaumenarten. Damit ist er mehr winterlich, erinnert an Lebkuchen und passt so gut zur kalten Jahreszeit.

Für den „Winter Gin“ findet sich auf unserer Internetseite auch ein besonders geschmackvolles Rezept: Gin mit Tonic und einem Schuss Orangensaft. Aber auch hier gibt es noch viele weitere Rezepte, die es auszuprobieren lohnt.

 

Herr Escher, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit GINSTR – oder auch der nächsten „Schnapsidee“!

Steckbrief

Markus Escher, Alexander Franke und GINSTR

v.l.n.r. Markus Escher und Alexander Franke