Sind Lehrjahre doch Herrenjahre?

Gute Auszubildende zu finden, fällt vor allem kleinen und mittleren Betrieben in der Region immer schwerer. Um trotzdem Nachwuchs zu finden, haben Arbeitgeber mehrere Möglichkeiten: Zum Beispiel besonders attraktive Bedingungen bieten. Junge Leute mit Nachholbedarf selbst ausbildungsreif machen. Oder in die Schulen gehen, um Jugendliche vom Wert der dualen Ausbildung zu überzeugen.

Die neuesten Zahlen des IHK-Fachkräftemonitors machen es wieder einmal deutlich: 184.000 ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Gesellen, fehlen in Baden-Württemberg. Bei den Akademikern bleiben dagegen nur 42.000 Stellen unbesetzt. Einer der Gründe dafür ist die hohe Abiturientenquote, denn viele, die das Reifezeugnis endlich in der Tasche haben, möchten studieren.

So wie Annemarie Zwickl. Nicht nur sie selbst, auch ihre Eltern wünschten sich diesen Weg für die Tochter. Dass es doch anders kam, dafür ist die Ausbildungsbotschafterin Marisa Hermenau verantwortlich. „In der 11. Klasse kam Marisa zu uns ins Wagenburggymnasium“, erinnert sich Zwickl: „Ihr Vortrag war so toll, dass ich mich gleich bei der Volksbank Stuttgart beworben habe.“

Ausbildungsbotschafter sind Azubis, die in Schulen für ihren Weg werben. Tatsächlich ist das nötig, denn die meisten Jugendlichen kennen nur eine Handvoll Berufe. Und selbst von den Klassikern haben sie oft überholte Vorstellungen. „Man steht doch nur hinter dem Schalter und tätigt Ein- und Auszahlungen“, hört Annemarie Zwickl immer wieder. Sie ist jetzt übrigens selbst Ausbildungsbotschafterin und strahlt dabei immer eines aus: „Ich habe es noch keine Sekunde bereut!“

Finanzmanager statt Bankkauffrau?

Ihre Ausbildungsleiterin Susanne Walter würde deshalb das „verstaubte Image“ gern modernisieren, angefangen beim Namen. „Ich habe schon einmal Finanzmanager vorgeschlagen“, erzählt sie. Zu ihrer Zeit war Bankkauffrau „fast wie Beamter“, lacht Walter. Doch heute raten viele Eltern ihren Kindern davon ab, weil sie glauben, die Digitalisierung mache Banken bald überflüssig.

Weil die Volksbank vier Bildungspartnerschaften pflegt, geht Susanne Walter selbst öfter in Schulen, um für die Lehre in ihrem Institut zu werben. „Viele Jugendliche haben überhaupt keine Idee, was sie einmal werden wollen“, stellt sie dabei immer wieder fest. Und ihnen ist nicht klar, dass eine Ausbildung eine prima Grundlage für eine weitere Bildungskarriere ist.

Den Gleichaltrigen ein Stück voraus

Annemarie Zwickl befindet sich nach zwei Lehrjahren bereits auf der Zielgeraden. Viele ihre Klassenkameraden dagegen sind gerade einmal im zweiten Semester, denn sie schoben noch ein „Gap Year“ ein. Ist sie noch mit denselben Leuten befreundet wie zu Schulzeiten? „Ja sicher“, sagt die junge Frau, „und ich fühle mich auch kein bisschen weniger wert als die Studenten“. Dazu trägt sicher bei, dass sie immer wieder um Rat in Finanzdingen gebeten wird – und dass sie mehr im Geldbeutel hat als die meisten Gleichaltrigen.

Dr. Annja Maga für Magazin Wirtschaft 06.2019