Hegnacher Mühle

Wo Bäcker und Müller sich "Guten Tag" sagen

Bäcker Tobias Maurer und Müller Ulrich Stietz nehmen den Großhandel aufs Korn und stärken die traditionellen landwirtschaftlichen Strukturen in der Region. Das hilft auch der Umwelt.

Mit neuen Ideen, die sich auf alte Traditionen besinnen, haben Bäckermeister Tobias Maurer und Müllermeister Ulrich Stietz der landwirtschaftlichen und handwerklichen Wirtschaftsweise an der Rems neue Impulse verliehen. Der Aspekt der Regionalität und eine umweltschonende Bewirtschaftung spielen für die beiden Anhänger einer Kreislaufwirtschaft eine zentrale Rolle.

Auf rund 150 Hektar Ackerfläche produzieren ein gutes Dutzend Bauern in Waiblingen und Schmiden das Korn für Ulrich Stietz‘ Mühle in Hegnach, die sein Ururgroßvater bereits vor mehr als 100 Jahren erworben hat. Das ergibt rund 1.000 Tonnen, die der letzte Müller an der Rems im Jahr verarbeitet – überwiegend Weizen und Roggen. Hinzu kommen kleine Mengen der Urgetreidearten Dinkel, Emmer und Einkorn. „Damit tragen wir zur notwendigen Vielfalt auf unseren Fluren bei“, so Stietz.

Von wegen, die Mühlen mahlen langsam. Müllermeister Ulrich Stietz bringt mit neuen Ideen einen Kreislauf in Gang, von dem die ganze Region profitiert.
Von wegen, die Mühlen mahlen langsam. Müllermeister Ulrich Stietz bringt mit neuen Ideen einen Kreislauf in Gang, von dem die ganze Region profitiert.

Nach dem „Landkorn“-Konzept des Winnender Bäckers Tobias Maurer säen die beteiligten Landwirte das Getreide nicht so eng aus wie im konventionellen Anbau. Damit wird eine bessere Durchlüftung der Halme erreicht, was den Pilzbefall und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis auf null reduzieren kann. „Allerdings verringert sich auch der Ertrag um rund ein Drittel“, erläutert Richard Kauffmann, Landwirt in Fellbach-Schmiden, dem die regionale Vermarktung seines Korns sehr am Herzen liegt. Und weil ihm Müller Stietz einen höheren Abnahmepreis bieten kann als der Großhandel, rechnet sich die Sache für den Produzenten Kauffmann auch noch. Dies rührt daher, dass das regionale Konzept den Großhändler überflüssig macht, der gewöhnlich zwischen drei und vier Euro pro Doppelzentner verdient. Fällt dieser weg, entsteht Spielraum für regionale Hersteller und Verarbeiter, der genutzt werden kann, um für Bauern, Müller und endverarbeitende Betriebe zu einer auskömmlichen Existenz beizutragen. „Fair Trade im Rems-Murr-Kreis“, nennt es Stietz, zu dessen Kunden beispielsweise auch die Waiblinger Bäcker Kauffmann und Wolf gehören. Großabnehmer ist Bäckermeister Tobias Maurer in Winnenden, der vor bereits rund 20 Jahren ein regionales, umweltschonendes Wirtschaftskonzept entwickelt hat, das vom Acker bis in den Brotkorb unter der Hausmarke „Maurers Landkorn“ verwirklicht wurde. Jährlich verarbeitet Maurer für sein „Landkorn“ 300 bis 400 Tonnen an Getreide, das im Umkreis von 20 Kilometern wächst und von Müller Stietz gemahlen wird. „Unsere Kunden schätzen es, zu wissen, wo ihr Brot herkommt“, sagt Maurer über seine Marke „Landkorn“, zu deren Merkmalen auch die handwerkliche Verarbeitung gehört. Daher seien die Kunden auch bereit, 20 bis 30 Cent mehr für den Laib Brot zu bezahlen. Tatsächlich ist die Saat von Maurers Idee aufgegangen: Inzwischen ist jeder dritte Laib, den er verkauft, ein „Landkorn“-Brot. „Wozu natürlich auch der gute Geschmack beiträgt“, wie Bäckermeister Maurer sagt.

"Wir müssen wieder unsere regionalen Strukturen stärken."

Ulrich Stietz, Müllermeister

Würde diese beispielhafte Kreislaufwirtschaft innerhalb einer Region Schule machen, könnte man jede Menge an unsinnigen Transporten innerhalb Deutschlands und Europas sparen, sind sich beide sicher. „Wir müssen wieder unsere regionalen Strukturen stärken“, lautet Stietz‘ Credo. Zweifellos ist es ihm und seinen Produktionspartnern Maurer und Kauffmann gelungen, auf moderne Art und Weise eine traditionelle Kreislaufwirtschaft an der Rems neu zu etablieren.